Eskalation im Nahen Osten: Erwartungen und Antworten unseres CIOs Nedim Kaplan

Nedim Kaplan, CIO der ÖKOWORLD

Weltgeschehen und Investments

Die Eskalation im Nahen Osten hat die Kapitalmärkte zuletzt spürbar verunsichert und die Risikoaufschläge in einzelnen Segmenten erhöht. Geopolitische Ereignisse wirken dabei häufig weniger über unmittelbare Fundamentaldaten, sondern über Erwartungen: Marktteilnehmer preisen Unsicherheit ein, reduzieren Risiken und reagieren sensibel auf mögliche Zweitrundeneffekte – allen voran Energiepreise, Lieferketten und Inflationspfade.

Mit unserer Anlagestrategie – und insbesondere mit unserem aktiven Stockpicking – sind wir auf solche Phasen vorbereitet.

Unsere Portfolios sind nicht direkt in der Region engagiert und weisen aktuell keine nennenswerten systematischen Abhängigkeit von lokalen Wertschöpfungsketten auf. Gleichwohl können mittelfristig indirekte Effekte auftreten: etwa über gestörte globale Lieferketten, steigende Transport- und Versicherungskosten, eine höhere Energieintensität in der Produktion oder über eine allgemein sinkende Risikobereitschaft im Markt.

Die unmittelbare Marktreaktion fiel differenziert aus. Neben lieferkettenabhängigen Titeln gerieten vor allem Reise- und Freizeitwerte, ausgewählte Konsumtitel sowie zyklische Geschäftsmodelle unter Druck. Gleichzeitig zeigte sich, dass Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, robusten Margenstrukturen und strukturellen Wachstumstreibern deutlich widerstandsfähiger reagierten. Genau hier liegt der Vorteil eines selektiven Ansatzes: Wir können Qualität und Resilienz gezielt hochgewichten und Risiken dort reduzieren, wo Abhängigkeiten zunehmen.

Faktor Ölpreis

Solange der Ölpreis nicht dauerhaft und deutlich ansteigt, bleibt der konstruktive Ausblick intakt, den ich zum Jahresauftakt gegeben habe. Für uns steht dabei weniger die kurzfristige Volatilität im Vordergrund als die Frage, ob sich die Rahmenbedingungen für Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinne nachhaltig verschieben. Besonders Technologie- und Halbleiterwerte – ein Investitionsschwerpunkt von uns – zeigen sich weiterhin robust. Strukturelle Treiber wie künstliche Intelligenz, der Ausbau von Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur und Elektrifizierung wirken stabilisierend und können temporäre Belastungen in anderen Sektoren teilweise kompensieren.

Sollte der Ölpreis jedoch weiter steigen oder sich die geopolitische Lage ausweiten, unterscheiden wir mittelfristig drei Szenarien:

1) Begrenzter Konflikt – moderater Ölpreisanstieg

Der Ölpreis steigt nur moderat und bleibt volatil, ohne sich auf einem deutlich höheren Niveau zu verankern. Die Inflation zieht leicht an, das Wirtschaftswachstum wird lediglich geringfügig gebremst. In diesem Umfeld dürfte die Geldpolitik insgesamt stabil bleiben: Die US-Notenbank hält an ihrem Kurs fest, während die EZB – abhängig von Datenlage und Kerninflation – eher Spielraum für graduelle Lockerungen hätte. Für Aktienmärkte wäre dies typischerweise ein Umfeld mit erhöhter Schwankung, aber intakten Fundamentaldaten – Selektivität bleibt entscheidend.

2) Spürbare Eskalation – deutlicher Ölpreisanstieg

Ein klar höherer Ölpreis wirkt stärker in die Realwirtschaft hinein. Die Inflation steigt merklich, während das Wachstum – insbesondere in Europa – sichtbar unter Druck gerät. Unternehmensmargen werden dort belastet, wo Energie- und Vorleistungskosten nicht weitergegeben werden können. Die Fed verhält sich in einem solchen Szenario eher abwartend, um das Inflationssignal einzuordnen; die EZB könnte – bei nachlassender Dynamik in der Konjunktur – zusätzliche Zinssenkungen erwägen. Für die Märkte bedeutet das: mehr Differenzierung zwischen Sektoren, stärkere Spreizung zwischen Gewinnern und Verlierern, und höhere Anforderungen an Bilanzqualität und Preissetzungsmacht.

3) Starke Eskalation – Stagflationsrisiko

Bei einem starken und anhaltenden Ölpreisanstieg wächst die Gefahr von Zweitrundeneffekten, etwa in Form steigender Lohnforderungen und einer Lohn-Preis-Spirale. Die Konjunktur schwächelt zunehmend, Stagflationstendenzen sind möglich. Notenbanken geraten in ein Spannungsfeld: Inflation bekämpfen, ohne die Wirtschaft zusätzlich abzuwürgen. In einem solchen Umfeld steigen die Anforderungen an Portfolioresilienz deutlich: Fokus auf Unternehmen mit stabilen Cashflows, robusten Bilanzen, strukturellem Wachstum und geringer Energie-/Zinsabhängigkeit; zugleich konsequentes Risikomanagement bei besonders zyklischen und stark kostengetriebenen Geschäftsmodellen.

Mein Fazit

Wir beobachten die Lage engmaschig und leiten daraus konkrete Maßnahmen in unseren Investmentprozessen ab – sowohl in der laufenden Risikosteuerung als auch in der Titelselektion, auch unter Berücksichtigung von Branchen. Dabei prüfen wir fortlaufend: Exponierungen entlang der Lieferkette, Energieintensität, Preisweitergabe, Margenstabilität, Finanzierungskosten sowie potenzielle Bewertungsrisiken durch Zins- und Inflationsverschiebungen.

Wir halten Sie bei wesentlichen Veränderungen der Marktlage oder unserer Einschätzung zeitnah und transparent informiert.

Ihr Nedim Kaplan

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